Der kleine Junge
Auch wenn es regnet
In einer Stadt in China lebte ein gläubiger Kaufmann, der seinen Laden,
entgegen der Sitte, Sonntags schloss. So hatte er Gelegenheit, am
Sonntagmorgen unter Gottes Wort zu gehen und nachmittags auf die Straße,
um Traktate zu verteilen.
Eines Sonntagnachmittags saß der
Kaufmann, müde von der anstrengenden Woche, in seinem Zimmer und las.
Auf dem Schreibtisch lag ein Bündel Traktate. Draußen regnete es. Da kam
sein elfjähriger Sohn herein. Als er den Vater im Zimmer sah, fragte er
erstaunt:
"Vater, warum verteilst du denn heute keine Traktate?"
"Es regnet zu sehr", antwortete er.
"Ja, Vater, rettet denn Gott keine Menschen, wenn es regnet?"
Der Kaufmann wurde ein wenig verlegen, aber dann erklärte er: "Wenn es
so heftig regnet, sind nur wenige Leute auf der Straße. Außerdem bin ich
auch sehr müde, deshalb gehe ich heute nicht aus."
"Vater, soll ich
für dich gehen?" fragte der Kleine. Während der Vater dem Jungen über
das Haar strich, bettelte dieser: "Vater, bitte, lass mich gehen!"
"Es bringt nichts bei diesem Regen", sagte der Vater, noch immer
zögernd. "Wenn ich aber meine Gummistiefel anziehe und einen Regenschirm
mitnehme ...?"
Da nickte der Vater. Solchem Bitten konnte er nicht länger widerstehen, und er gab ihm einige Traktate.
Eifrig lief der Chinesenjunge hinaus auf die Straße. Es regnete in
Strömen; kaum ein Fußgänger war zu sehen. Es dauerte lange, bis er das
erste Schriftchen verschenken konnte. Jetzt wurde es schon dunkel, und
unaufhörlich regnete es weiter.
"Komm zurück, wenn du die Traktate
verteilt hast", war die Mahnung des Vaters gewesen. Die wollte er genau
befolgen, und darum musste er auch noch das letzte Traktat, das er
besaß, verteilen, ehe er zurückkehrte.
Aber er traf keinen einzigen
Menschen mehr. Bald gelangte er an eine Querstraße; auch hier zeigte
sich niemand. Was sollte er nun mit dem letzten Traktat tun? Da kam ihm
plötzlich ein guter Gedanke: Die Menschen kommen nicht zu mir, da gehe
ich zu ihnen! Entschlossen ging er auf die nächste Wohnungstür zu und
klopfte an.
"Wer ist da?" fragte eine Stimme. Sein Herz pochte, halb
aus Furcht, halb aus Freude. Endlich sollte sich für sein letztes
Schriftchen ein Empfänger finden! Er wartete einen Augenblick, und als
keiner die Tür öffnete, klopfte er erneut. Zaghaft hielt er sein Ohr an
den Türspalt, um zu hören, ob sich drinnen etwas regte.
"Wer ist
draußen?" fragte die Stimme wieder, aber die Tür öffnete sich noch immer
nicht. Nach einer Weile wurde er ungeduldig, ballte die Hand zur Faust
und klopfte noch einmal kräftig an die Tür. Diesmal hörte er nicht auf,
bis geöffnet wurde. Es erschien eine alte Frau mit einem so merkwürdigen
Gesicht, dass er erschrak. Aber er fasste sich ein Herz und sagte
freundlich:
"Entschuldigen sie bitte, aber ich bin gekommen, um
ihnen das Evangelium zu bringen." Er reichte der Frau das letzte Traktat
hin, dann lief er schnell nach Hause.
Am nächsten Sonntagabend war
der kleine Versammlungsraum der Christengemeinde bis auf den letzten
Platz besetzt. Der Kaufmann hatte diesmal seinen Sohn mitgenommen. Nach
der Stunde erhob sich eine alte Frau. Sie bat, man möge ihr gestatten,
etwas zu sagen. Auf ihrem runzligen Gesicht lag ein stiller Glanz. Sie
erzählte:
"Dem Herrn sei Dank, der seinen Engel gesandt hat, um mich
zu retten! Ich habe meinen Mann und meinen Sohn verloren. Einsamkeit
und Not waren so über mich gekommen, dass ich am letzten Sonntag in
meiner Verzweiflung mit Gott haderte. Draußen war es schon dunkel und es
regnete; in meinem Innern aber war es noch finsterer. Da klopfte es an
meine Tür. Ich wollte warten, bis der Anklopfer draußen weitergegangen
war. Aber das Klopfen begann von neuem und hörte nicht auf, bis ich
schließlich die Tür öffnen musste. Draußen stand ein kleiner Junge, der
mich so froh anschaute und mir ein Schriftchen entgegenhielt. Da wusste
ich: Gott hat mich nicht vergessen; er hat seinen Engel gesandt, um mir
zu helfen. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Als der Junge
wieder gegangen war, fiel ich auf meine Knie, bekannte dem Herrn meine
Sünden und bat um Vergebung. Preist Gott mit mir, denn er hat mich
angenommen. Er hat mich gerettet."
Überglücklich flüsterte der kleine Junge dem Vater ins Ohr: "Das ist sie!"
Verfasser unbekannt
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